Dass chronischer psychologischer Stress schädlich sein kann ist schon vielfältig belegt. Epidemiologische Untersuchungen haben Zusammenhänge mit kardiovaskulären, metabolischen (wie Typ 2 Diabetes) und psychiatrischen Erkrankungen [1,2], sowie auch Infektionen [3] hergestellt. Bei genauerem Blick dürfte es aber wohl keine Erkrankung geben, die durch das Nervensystem gar nicht beeinflusst wird [4]. Bekannterweise kommt es bei Stress über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden Achse zu einer vermehrten Cortisol Ausschüttung und über die Aktivierung des Sympathikus zu einer vermehrten Katecholaminproduktion, beides mit spürbaren körperlichen Auswirkungen. Die organischen Effekte gehen aber über eine gesteigerte Herzfrequenz oder Schweißausbrüche weit hinaus [5]. Stress, speziell in chronischer Form, hat auch negative Folgen für die Immunkompetenz des Organismus, fördert inflammatorische (entzündliche) Prozesse und kann im Darm ungünstige Veränderungen der Darmflora induzieren (Dysbiose), gleichzeitig die Durchlässigkeit des Darmes für toxische Metabolite erhöhen. Bei Stress werden vermehrt schädliche Sauerstoffradikale gebildet, weiters entstehen Ungleichgewichte im Metabolismus, was sich etwa in erhöhtem Blutzuckerspiegel äußert [4,5]. Kein Wunder also, dass Stress zur Entstehung körperlicher Erkrankungen einen Beitrag leisten kann. Auch Alterungsvorgange werden beschleunigt, wie unlängst gezeigt werden konnte [6,7].
Chinesische Wissenschafter haben jüngst einen Signalweg identifiziert, der Gehirn (nervale Aktivität), Darm und Knochenmark (Blutstammzellen) in einem Schaltkreis verbindet [6]. Psychologischer Stress induziert über diese Verschaltung Alterungsvorgänge in den Blutstammzellen.
Im Tiermodell konnte in der erwähnten Arbeit [6] gezeigt werden, dass Stress die neuronale Aktivität in zwei bestimmten Zentren des Gehirns reduziert, und zwar im sogenannten medialen präfrontalen Cortex und im periaquäduktalen Grau. Dadurch wiederum kommt es zur erhöhten Aktivität in der rostralen ventrolateralen Medulla, einem Teil des Hirnstammes und wesentlichem Steuerungszentrum der sympathischen Aktivität (blockierende Einflüsse des medialen präfrontalen Cortex und der rostralen ventrolateralen Medulla auf dieses Zentrum fallen weg, dadurch kommt es ebendort zu verstärkter Aktivität sympathischer Neurone). Der konsekutiv erhöhte Sympathikotonus verursacht im Darm eine verminderte Mucinproduktion durch die Becherzellen der Darmschleimhaut und erhöht die Expression inflammatorischer Zytokine im Darmepithel. Durch das veränderte Milieu im Darm kommt es nun zu einer Veränderung der Darmflora, mit Abnahme bestimmter Spezies von Milchsäurebakterien, besonders Lactobacillus reuteri. Dieser ist ein wesentlicher Produzent des biogenen Amins Spermidin, für das kardioprotektive und neuroprotektive Wirkungen beschrieben wurden, mit Hinweisen auf eine lebensverlängernde Wirkung in epidemiologischen Untersuchungen (wichtige Arbeiten hierzu unter Federführung österreichischer Forscher [8,9]).
Durch das Fehlen von Spermidin (das ja nicht mehr ausreichend von Lactobacillus reuteri produziert werden kann) kommt es zu einer vorzeitigen Alterung der Blutstammzellen, mit verminderter Fähigkeit zur Zellerneuerung, vermehrter Ferroptose (eine bestimmte eisenabhängige Form des Zelltodes) und Begünstigung myeloider gegenüber lymphoider Differenzierung. Dies alles trägt zu einer Schwächung der Hämatopoese (der regenerativen Kompetenz des Knochenmarks) und Immunabwehr (vor allem des sogenannten adaptiven Immunsystems) bei und könnte die Entstehung myeloischer Erkrankungen (darunter auch Leukämien) begünstigen.
In einem früheren Beitrag habe ich über eine Arbeit berichtet, die beschreibt, wie mikrobielle Metaboliten aus der Darmflora die Expansion klonaler Blutzellen vorantreiben können (Beitrag:“ Was der Darm mit der Entstehung von Leukämie zu tun haben kann“). Die aktuell behandelte Arbeit bereichert das Bild um einen weiteren Zusammenhang zwischen Darm und Blut, in dem sie zeigt, daß von Milchsäurebakterien produziertes Spermidin den jugendlichen Phänotyp von Blutstammzellen unterstützt. Sie deckt eine zusätzliche Verbindung der Darm-Knochenmarkachse zu neuronaler Aktivität im Zentralnervensystem auf, ja belegt tatsächlich auch psychogene Einflüsse auf Darm und Knochenmark.
Körper und Geist erscheinen uns hier als zwei Seiten der gleichen Medaille und lassen sich nicht auseinanderdividieren. Diese Bild wird auch durch Arbeiten gestützt, die den umgekehrten Einfluss aufzeigen, also den Einfluss, den organische Prozesse auf unsere Psyche haben können. Über diesen spiegelbildlichen Prozess aber sei in einem anderen Beitrag berichtet.