Blog zu Themen & Trends in Hämatologie und Onkologie

Für alle (!) Interessierten

Kein Geist schwebt über dem Wasser

Wie (und wo) kommt der Mensch zu Bewusstsein und zum Denken? Dies ist eine Frage die uns in Gesundheit, wie auch in Krankheit beschäftigen kann. Ohne jetzt näher auf die Kognitionswissenschaft oder philosophische Hintergründe eingehen zu wollen, möchte ich diesen Beitrag mit dem Konzept des Embodiments eröffnen [1]. Dieses entlehnt sich nicht der Medizin, ist aber für grundsätzliche medizinische Überlegungen höchst hilfreich [2]. Im Konzept des Embodiments wird Denken nicht im Sinne von Prozessen verstanden, die allein in der dunklen Kammer des Zentralnervensystems ablaufen, sondern setzt für Entstehung und Ablauf die Physis voraus, das soll heißen, den Organismus in seiner Gesamtheit und seinem Platz in der Welt. Unsere geistigen Prozesse, auch unser Bewusstsein, entstehen in einem Körper (nicht nur in einem Gehirn). Das Nervensystem ist im Organismus verankert und in seinen Funktionen von diesem abhängig.

Die weiteren Überlegungen sollen uns jetzt aber in das Gebiet der Medizin führen und zu der Frage, wie die körperliche Verfasstheit unseren Geist beeinflusst. Wir wollen einen medizinischen Blick auf den Einfluss werfen, den körperliche Zustände, wie Alter oder Krankheit, auf Verhalten und Denken haben und uns dazu im nächsten Absatz zunächst dem Tierreich zuwenden und uns mit einer Arbeit zu altersabhängigen tierischen Verhaltensweisen beschäftigen.

Eine Arbeit [3] amerikanischer Forscher am türkisen Prachtgrundkärpfling, einer Fischart mit sehr kurzer Lebenserwartung von nur 4-8 Monaten, liefert wichtige Erkenntnisse über das Altern, die uns zu Analogieschlüssen auf den Menschen verleiten können. Durch detaillierte Beobachtung der Verhaltensweise dieser Fische über ihre gesamte Lebensspanne (mittels Kamera- und Computer-gestützter Auswertung) konnte gezeigt werden, dass Altern nicht kontinuierlich abläuft, sondern stufenweise, und dass jede Lebensperiode gekennzeichnet ist durch bestimmte Verhaltensmerkmale (sechs Altersstufen der Fische konnten abgegrenzt werden). Durch Untersuchung des Transkriptoms, also der exprimierten (aktiven) Gene, in jeder Altersstufe, konnte auch auf molekularer Ebene ein charakteristisches Muster für jeden Lebensabschnitt gefunden werden. Anhand dieser besonderen Merkmale, also entweder dem Verhaltensmuster oder dem Muster der Genexpression, konnte die Lebenserwartung des jeweiligen individuellen Fisches abgeschätzt werden (ab dem Adoleszentenalter der Fische bei 70 Tagen, an dem sich die Unterschiede zwischen lang-und kurzlebigen Fischen manifestieren). Generell war zu beobachten, dass sich längerlebige Fische schneller bewegen und über längere Tagesperioden aktiv sind. Hinsichtlich des Transkriptoms waren vor allem ribosomale und metabolische Signaturen signifikant unterschiedlich zwischen den lang- und kurzlebigen Individuen.

Nun könnte man einwenden, dass es sich hier um Fische und nicht um Menschen handelt. Verhaltenscharakteristika für verschiedene Altersstufen sind allerdings auch beim Menschen bekannt und selbst dem Alltagsverständnis zugänglich (man denke an die Pubertät oder die midlife crisis), und kognitive Fähigkeiten und Denkprozesse sind dem Altern ausgesetzt. Wie für die Fische in oben zitierter Arbeit wurden auch für das menschliche Altern charakteristische Änderungen der Genexpression beschrieben.  So konnten drei Alterungswellen im Proteinmuster des Blutes bei Menschen im Alter zwischen 18 und 95 Jahren identifiziert werden [4], die sich um die Lebensalter von 34, 60 und 78 Jahren ereignen. Auch in einer anderen Studie, die humane Zellproben mit verschiedenen Methoden untersuchte, wurden signifikante Einschnitte in biologischen Variablen um das vierzigste und sechzigste Lebensjahr gefunden [5].

In ähnlicher Weise wie das Altern unseren Organismus und auch die Funktionsweise unseres Zentralnervensystems, und damit unser Denken und Handeln, beeinflusst, können Krankheiten Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden und Denken haben, und zwar mitunter zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch gar nichts von einer Krankheit wissen. Krankheiten führen zu intrinsischen Veränderungen im Organismus [6,7]: inflammatorische Vorgänge werden in Gang gesetzt, das Immunsystem aktiviert, es ändert sich der Metabolismus und die Zusammensetzung des Mikrobioms, und all dies hat signifikanten Einfluss auf die Aktivität an den Synapsen, also den Stellen der Informationsübertragung an den Nervenenden – sowohl innerhalb wie außerhalb des Zentralnervensystems.

Beispielhaft wollen wir auf die Onkologie zu sprechen kommen. Epidemiologische Untersuchungen legen nahe, dass Krebserkrankungen zu depressiver Verstimmung führen können und zwar bevor die Erkrankung diagnostiziert und dem Patienten bekannt ist [8,9]. In diesen Fällen (seltenen Fällen, da Depressionen vielfältiger Genese sein können) könnte demnach eine Depression als erstes Symptom einer Krebserkrankung gewertet werden. Im Tierversuch wurden proinflammatorische Zytokine (Interleukin-1β, Interleukin-6 und -10, Tumor necrosis factor-α), die von den Tumorzellen produziert werden, als Auslöser solcher Verstimmungen identifiziert [10]. Man müsste annehmen, dass bei erfolgreicher Behandlung der Krebserkrankung, und damit Beseitigung nicht nur der Krebszellen sondern auch der adversen Zytokinkaskade, eine solche Krebs-induzierte Depression nachlässt. Systematische Untersuchungen zu diesem Thema konnte ich nicht identifizieren, aber einzelne Beobachtungen im klinischen Alltag wären mit dieser Hypothese in Einklang zu bringen.

Wir kommen im letzten Absatz zurück zum Embodiment. Auch aus evolutionsbiologischer Sicht scheint mir ein anderes Konzept schwer denkbar, wollen wir nicht annehmen, dass in der langen Geschichte der Entwicklung des Lebens der Geist irgendwann vom Himmel gefallen ist. Wahrscheinlicher ist wohl, dass das Zentralnervensystem (im Verbund mit dem ganzen Organismus) in vielen kleinen Entwicklungsschritten seine Funktion so erweitert hat, dass ein Weg von einfachen kognitiven Prozessen und reinen Lautäußerungen mit Signalwirkung hin zu komplexen Denkprozessen und Sprachentwicklung genommen werden konnte [11]. Auch wenn wir im reflexiven Denken meinen, uns vom Körper loslösen zu können, bleiben wir diesem Erbe mit jeder Faser verhaftet.

Quellen

  1. Embodiment

    https://de.wikipedia.org/wiki/Embodiment

  2. Embodiment in the aging mind

    https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763417300544?via%3Dihub

  3. Lifelong behavioral screen reveals an architecture of vertebrate aging

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13165398/

  4. Undulating changes in human plasma proteome profiles across the lifespan

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7062043/

  5. Nonlinear dynamics of multi-omics profiles during human aging

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11564093/

  6. Cancer is embedded in a whole-body neural regulatory network

    https://www.science.org/doi/10.1126/scitranslmed.aeg5672?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%20%200pubmed

  7. Molecular pathways of major depressive disorder converge on the synapse

    https://www.nature.com/articles/s41380-022-01806-1

  8. Depression as a Prodromal Symptom of Pancreatic Cancer: A Narrative Review

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12785060/

  9. Depression Is Associated with an Increased Risk of Subsequent Cancer Diagnosis: A Retrospective Cohort Study with 235,404 Patients

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9954234/

  10. Peripheral tumors induce depressive-like behaviors and cytokine production and alter hypothalamic-pituitary-adrenal axis regulation

    https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0811949106?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori%3Arid%3Acrossref.org&rfr_dat=cr_pub++0pubmed

  11. The mystery of language evolution

    https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2014.00401/full

Über den Autor
Mit Ende 2025 blickt Dr. Niklas Zojer auf 30 Jahre in der Forschung und der klinischen Onkologie zurück.

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