Für eine bestimmte Krebserkrankung, das multiple Myelom, konnte die Gruppe um den italienisch-stämmigen (jetzt in den USA tätigen) Forscher Francesco Maura eine Antwort auf diese Frage finden [1]. Mit Hilfe einer ausgeklügelten genetischen Analyse, die wie ein Geschichtsbuch den Zeitpunkt der Entstehung einer genetischen Veränderung aufzeigt, konnten sie nachweisen, dass die für die Erkrankung typischen Veränderungen mitunter Jahrzehnte vor der Diagnosestellung in den Code der Zelle eingetragen werden.
Die Erkrankung des Myeloms tritt meist in höherem Lebensalter (durchschnittlich um das 70. Lebensjahr) auf, die ersten Veränderungen, die den Weg der Zelle zur Krebszelle ebnen, mitunter zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Das konnte die Analyse aufzeigen. Sind diese jungen Menschen deshalb krank? Im Falle des Myeloms sind noch mehrere weitere Schritte notwendig, um die veränderte Zelle von ihrer normalen Funktion zu entkoppeln und einen Kontrollverlust über die Zellteilung herbeizuführen. Diese weiteren Schritte nehmen Jahrzehnte in Anspruch. Es würde daher wohl wenig Sinn machen, die frühesten Veränderungen nachweisen zu wollen, 1. weil nicht sicher ist, dass die veränderte Zelle im folgenden Zeitraum auch die anderen Schritte durchmacht, die für die Krebsentstehung notwendig sind und 2. weil es derzeit keine Methode gibt, die genetische Veränderung zu reparieren, zumindest nicht in einer außerhalb des Reagenzglases praktikablen Form.
Auch für andere hämatologische Krebserkrankungen konnte mittlerweile nachgewiesen werden, dass, wie ein erster Bucheintrag, die ersten Schriftzeichen, die den Weg zur Krebszelle markieren, Jahre und Jahrzehnte vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch und der Diagnosestellung im genetischen Programm eingezeichnet werden [2]. Über unsere weitere Lebenszeit wird zu diesen ersten Schriftzeichen noch ein ganzes Kapitel dazugefügt werden müssen, damit auf makroskopischer Ebene Krebs ausbricht. Wann entsteht also Krebs? Oder anders gefragt, müssen wir mit dem französischen Philosophen Georges Canguilhem festhalten, dass Gesundheit eine Frage der Philosophie ist?