Nacktmulle sind in mehrere Hinsichten bemerkenswert, nicht nur wegen ihres besonderen Aussehens und ihrer Lebensweise. Sie sind in wissenschaftlicher Hinsicht vor allem wegen ihrer Langlebigkeit interessant und Gegenstand mittlerweile zahlreicher Untersuchungen. Nackmulle erreichen eine maximale Lebensdauer von über 30 Jahren, im Vergleich dazu liegt die maximale Lebensdauer gleich großer Nagetiere (etwa Mäuse) bei 4 Jahren.
Diese Tiere zeichnen sich durch eine außerordentliche Resistenz gegenüber Krebserkrankungen aus, tatsächlich entwickeln Nacktmulle praktisch nie ein Malignom, trotz der hohen Lebenserwartung. Was ist also das Geheimnis dieser vorteilhaften Konstitution? Zwei Untersuchungen haben über dieses Phänomen Aufschluss gegeben, einmal eine ältere Untersuchung aus dem Jahr 2013, in der gezeigt wurde, dass diese Tiere eine besonders langkettige Hyaluronsäure produzieren, die auch nur langsam abgebaut wird [1]. Hyaluronsäure ist nicht nur das Bindemittel zwischen den Zellen eines Organismus, es hat auch Funktionen in der zellulären Kommunikation und Signalübertragung. Im Fall des Nacktmulls scheint die Hyaluronsäure mit hohem Molekulargewicht nicht nur für die Geschmeidigkeit der Haut der Nager in den unterirdischen Gängen zu sorgen, sondern auch die Expression von Tumorsuppressorgenen in der zellulären Umgebung der Hyaluronsäure zu induzieren [2], was ein wichtiger Beitrag für die Resistenz gegenüber Krebserkrankungen zu sein scheint.
Eine neuere Arbeit zeigt einen weiteren Mechanismus auf, der den Nacktmull vor Krebserkrankungen schützt [3]. Die sogenannte „cyclic guanosine monophosphate-adenosine monophosphate synthase“ oder kurz „cGAS“ zeigt beim Nacktmull vier Änderungen in der Proteinstruktur im Vergleich zum analogen Protein bei Mensch und Maus, die eine wesentliche Funktionsänderung herbeiführen. Während beim Menschen cGAS die DNA-Reparatur blockiert, wird diese beim Nacktmull durch cGAS begünstigt. Dieser Mechanismus trägt zur genomischen Stabilität bei, wirkt der Entstehungen von Malignomen entgegen, verzögert den Alterungsprozess und befördert die Langlebigkeit.
Besonders interessant ist auch die Frage, warum der Nacktmull eine solche Konstitution entwickeln konnte. cGAS ist der wichtigste Sensor von doppelsträngiger DNA im Cytosol, vorwiegend solcher von Krankheitserregern und dabei an erster Stelle von Viren [4]. Bei Erkennen dieser Strukturen wird eine Immunreaktion durch Produktion von Interferonen und anderen Entzündungsmediatoren ausgelöst. Aber auch die eigene (menschliche) DNA, sofern sie aus dem Zellkern freigesetzt wird, kann cGAS aktivieren, ein Mechanismus der etwa bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle spielen kann. Man vermutet (und das ist jetzt spekulativ), dass Nacktmulle durch ihre unterirdische Lebensweise milieubedingt wenig mit viralen Erregern konfrontiert sind, und dadurch cGAS „frei“ wird, für die DNA-Reparatur andere Aufgaben zu übernehmen als beim Menschen und bei der gewöhnlichen Maus, bei denen ja die immunologischen Aufgaben von cGAS im Vordergrund stehen. Tatsächlich scheinen Nacktmulle besonders anfällig für virale Infektionen zu sein [5].