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Für alle (!) Interessierten

Ein Krebs, viele tausende Jahre alt

Eine österreichische Forschergruppe hat unlängst eine Studie zu einer der wenigen bekannten übertragbaren („ansteckenden“) Krebserkrankungen veröffentlicht, dem Gesichtskrebs beim Beutelteufel (Tasmanischer Teufel, das Tier zählt zur Familie der Raubbeutler), im Englischen „Devil Facial Tumor“ [1]. Die Forscher untersuchten die Wachstumssignalwege, die bei den zwei Arten dieser Krebserkrankung im Spiel sind. Die Übertragung der Krebszellen erfolgt meist durch Bisse, wobei interessant ist, dass trotz einer prinzipiell in der Natur bestehenden hohen Barriere gegenüber der Übertragung von fremden Zellen (auch von fremden Krebszellen- durch Erkennung von „Fremd“ durch das Immunsystem) bei diesen Tieren gleich zweimal, scheinbar unabhängig voneinander, solche übertragbaren Tumore entstanden sind. Man vermutet, dass der Erkennungsmechanismus von „Fremd“ beim Tasmanischen Teufel durch die Homogenität der Population (die Tiere haben einen sehr beschränkten Lebensraum: Tasmanien und einige vorgelagerte Inseln) nicht sehr ausgeprägt ist und dass dies einer der Faktoren ist, die zur Entstehung dieses Phänomens beigetragen haben. Nach bisherigen Erkenntnissen dürften die Tumore relativ jung, im vorigen Jahrhundert entstanden sein.

Viel älter ist ein anderer übertragbarer Tumor, der bei Hunden beobachtet wird. Es handelt sich um das Sticker Sarkom oder im Englischen den „Canine Transmissable Veneral Tumor“.  Diese Krebsart wird durch Schleimhautkontakt, typischerweise beim Deckakt übertragen und betrifft meist die Geschlechtsorgane des Hundes. Eine Arbeit aus dem Jahr 2019 konnte durch eine Art molekulare Archäologie mit Analyse des Exoms (der proteinkodierenden Abschnitte des Genoms) von 546 Tumorproben, die in den Jahren 2003 bis 2016 in 43 über den Globus verstreuten Ländern gewonnen wurden, den Ursprung des Tumors rückverfolgen [2]. Mittels dieser Analyse wurde gezeigt, dass der Tumor vor 4000-8500 Jahren in zentralen oder nördlichen Regionen von Asien entstanden ist, in diesem Raum lokalisiert für 2000-6000 Jahre verblieb, und erst vor etwa 2000 Jahren weitere Verbreitung in Asien und Europa fand. Den amerikanischen Kontinent hat die Krankheit erst im Zuge der Kolonisierung erreicht (vor etwa 500 Jahren) und vor 300 Jahren dürfte die Übertragung auf afrikanische Hundepopulationen (vermutlich in mehreren Wellen) und eine Rückübertragung nach Europa und Asien stattgefunden haben.

Dieser Krebs, der vor vielen tausenden Jahren in einem Hund entstanden ist, konnte sich also wie eine Infektionskrankheit in einer Population etablieren und wurde durch Ansteckung über Jahrhunderte und Jahrtausende von Individuum zu Individuum weitergereicht. Im Modus der weltweiten Ausbreitung scheinen sich durch Übertragung auf domestizierte Hunde auch humane Wanderungs- und Kolonisierungsbewegungen abzubilden. Über die Zeit akquirierte dieser Tumorklon unzählige Mutationen, sodass die Mutationslast des Sticker Sarkoms weit über der Mutationslast liegt, die für Tumorerkrankungen beim Menschen typisch sind. Eine weitere Frage, die die erwähnte Arbeit zu beantworten suchte, war, welche Selektionsmechanismen über den langen Zeitraum den Klon geformt haben. Wie konnte der maligne Klon mehrere tausend Jahre persistieren, obwohl über die lange Zeitspanne kontinuierlich Mutationen akquiriert wurden? (Dies geschieht in jeder Zellpopulation über die Zeit und führt typischerweise zu abnehmender Fitness, auch Altern genannt). Die Arbeit zeigt, dass im Fall des Stickler Sarkoms der Großteil der Protein-kodierenden Gene (ca. 73%) durch Mutationen betroffen sind, die in einem signifikanten Anteil (ca. 29%) auch zu einer Verstümmelung des kodierten Proteins führen  Für negative Selektion (also die Aussortierung unvorteilhafter Mutationen) fand die Analyse wenig Anhaltspunkte, wobei vermutet wird, dass für die einfache parasitische Existenz dieses Tumors viele Gene disponibel sind und dadurch keinem Selektionsdruck ausgesetzt. Das dürfte aber vermutlich nicht die einzige Erklärung für die ungewöhnliche Persistenz über Jahrtausende sein. Vielleicht hat gerade die hohe Mutationslast zu einem weniger aggressiven Phänotyp der Krebserkrankung beigetragen, was durch Längerlebigkeit des Wirtes die Übertragung beim Paarungsakt und damit die Verbreitung und auch die Persistenz des Stickler Sarkoms begünstigt hat.

„Infektiöse“ also ansteckende Tumore sind glücklicherweise selten, da besondere Konstellationen zusammentreffen müssen, damit das Erkennen der Krebszelle als fremd (über sogenannte MHC Moleküle) ausgetrickst wird. Aber gerade diese Konstellationen lehren uns etwas über die „gewöhnlichen“ Krebserkrankungen, die in einem Individuum auftreten und nicht übertragbar sind. Dies haben gerade wieder, wie in der Einleitung zu diesem Beitrag erwähnt, österreichische Forscher mit ihrer Arbeit zu den Tasmanischen Teufeln bewiesen, in der eine Plastizität von Signalwegen des Devil Facial Tumors unter therapeutischem Druck beschrieben wird.

Quellen

  1. Tyrosine kinase targeting uncovers oncogenic pathway plasticity in Tasmanian devil transmissible cancers

    https://link.springer.com/article/10.1038/s44318-025-00603-0

  2. Somatic evolution and global expansion of an ancient transmissible cancer lineage

    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7116271/

Über den Autor
Mit Ende 2025 blickt Dr. Niklas Zojer auf 30 Jahre in der Forschung und der klinischen Onkologie zurück.

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