Über unsere Lebensspanne sammeln sich unvermeidlich kleine Änderungen im genetischen Code der Zellen an, man spricht von Mutationen. Verschiedene Mechanismen bewirken diese Mutationen und nicht alle sind durch äußere Faktoren ausgelöst oder beeinflussbar. Für gewisse Veränderungen im genetischen Code spielen zwar sehr wohl Einflüsse aus der Umwelt eine Rolle, man denke an Tabakrauch oder UV-Licht, aber auch unabhängig davon ist in das Programm jeder Zelle eingeschrieben: die ZEIT führt zu Mutationen. Es ist dies ein Teil dessen, was umgangssprachlich ALTERN genannt wird (wir können dies nicht verhindern, wir können es durch ungesunde Lebensweise befördern).
Nun zeigt sich, dass in gealterten Blutzellen auch Mutationen mit potentiell „bösartigem“ Charakter auftreten können, also solche, die den Zellen einen besonderen Überlebensvorteil verschaffen und sie der Wachstumskontrolle entziehen. Es kommt zu einer klonalen Expansion, also einer ungewöhnlichen Vermehrung der Zellen mit genau dieser genetischen Veränderung. Noch haben diese Zellen, obwohl ungewöhnlich vermehrt, den kritischen Punkt zur Bösartigkeit nicht überschritten, die Forschung spricht von CHIP, „clonal hematopoiesis of indeterminate potential“ = klonale Expansion von unbestimmtem Potential [1].
Solche Veränderungen finden sich bei etwa 20% der älteren Personen (die Häufigkeit nimmt mit jeder Lebensdekade zu, bei nur weniger als 1% der Personen unter 40 Jahre findet man CHIP). Warum nur einige, aber nicht alle Personen im Verlauf des Alters betroffen sind, ist unbekannt, man geht von einem Zufallsprozess aus. (Es dürfte erbliche Faktoren geben, die die Entstehung von CHIP begünstigen, auch äußere Faktoren dürften eine Rolle spielen, es bleibt aber dabei, der wichtigste Faktor ist die Zeit; je älter der Mensch desto wahrscheinlicher kommt es zum Auftreten solcher Veränderungen. Wie man sieht spielen die Zeit und der Zufall in unserem Leben eine besondere Rolle.) Nicht nur dass diese Zellen durch weitere genetische Veränderungen den Schritt zur Bösartigkeit durchlaufen können (Entstehung etwa einer Leukämie), beeinflussen diese gealterten Zellen den Organismus in ungünstiger Weise. Durch eine Verstärkung inflammatorischer, also entzündlicher Signale können kardiovaskuläre Erkrankungen begünstigt werden und wie wir jetzt wissen, auch Krebserkrankungen befördert werden. Wenn sich CHIP Zellen im Tumorgewebe nachweisen lassen, verlaufen Krebserkrankungen ungünstiger, das haben jüngste Analysen primär für Lungenkrebs zeigen können [2]. Die Analyse fand CHIP bei 34% der LungenkrebspatientInnen und bei 42% dieser Gruppe (14% aller LungenkrebspatientInnen) waren die mutierten Blutzellen auch im Tumorgewebe nachweisbar (für die Spezialisten: Kriterium variant allele frequency ≥ 2% in zumindest einer Tumorregion). Die Lungenkrebserkrankung bei diesen 14% der PatientInnen verlief ungünstiger als bei denen ohne Nachweis von CHIP im Tumorgewebe. Ursächlich dürfte ein stimulierender Einfluss der mutiert gealterten Blutzellen auf den Tumor sein, wie im Tierversuch gezeigt wurde. Ein weiteres Beispiel, wie viele Faktoren bei einer Krebserkrankung eine Rolle spielen können.